sprachen

Abschied von Emil Frey †

Geboren27.6.1920
Priesterweihe6.4.1952
Simbabwe: Lehramtsschule; Jugendheim; Seelsorge
1955–1965
Silveira Mittelschule 1967–1974
Gefangenen-Seelsorge in Gweru
1975–1980
Immensee: Kontakt zu GönnerInnen 1980–1989
Obersaxen: Ferienheim; Seelsorge
1989–1999
Kronbühl: Seelsorge; GönnerInnen 1999–2002
Bünzen AG: Seelsorge 2005–2010
Immensee: Aushilfen, Ruhestand 2011–2018
Verstorben10.12.2018

«Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast,
in Frieden scheiden.» (Lk 2,29)

 

Würdigung von Emil Frey

«Nach dem Nachtessen im Missionshaus 2 verziehen sich die alten Missionare in ihre Zimmer, einige bleiben in der Lounge, blättern in der Zeitung oder plaudern miteinander. Etwas abseits sitzt Emil. Er selber kann nicht mehr lesen, ist auf andere angewiesen. Es ist Mitbruder Franzsepp, der ihm hilft; gerade jetzt liest er dem Emil einen persönlichen Brief vor, der mit der Post eingetroffen ist. Ganz rührend kommt mir (Markus Isenegger) die Szene vor, die Geduld des Vorlesers und die Aufmerksamkeit des Zuhörers: Da ist ein Geben und Nehmen, worüber ich mich nur freuen kann.» So der Vermerk in meinem Buch 2015, Über Bäume reden …

Freuen tat ich mich in den letzten Jahren öfters, während Emil beim Frühstück sass und erzählte. Er marschiere jeden Tag eine Stunde lang: nach Küssnacht hinunter, dann zur Gesslerburg hinauf und über den Tellerenweg zurück zum Missionshaus. Oder andersherum zum Zugersee hinab und dann die 70 Treppen hoch bis zum Bahnhof Immensee. Er mochte erzählen. Zwar kamen kaum aktuelle Weltthemen auf, obschon er Hörbücher nutzte über Cäsar und die Gallier. Was Emil näher lag, war die Erinnerung an die Verwandtschaft, an Orte, Weiler und Leute, die er gekannt hatte; wer mit wem verheiratet oder wann geboren wurde.

Emil hatte viel Wechsel erfahren. Die Familie lebte in Rothenburg, in Eschenbach, in Ermensee und Inwil. Am letzten Ort – Inwil also – arbeitete sein Vater als Klauenpfleger (auf Mundart «Chlauebotzer»). Er ging zu den Bauern auf Stör, kannte also viele Bauern rundum. Emil besuchte die 5. Primarklasse beim neuen Lehrer Isenegger, der selber bloss 18 Jahre alt war. Dieser Lehrer wurde später mein Vater. Schon nach der ersten Schulwoche musste Emil die 5. Klasse verlassen, er wurde an Verwandte in Rain auf den Hof Hirzelen zugeteilt. Nach eigenen Angaben war dies eine steinige, schwierige Zeit, er musste jeden Morgen um vier Uhr auf und kam erst um acht Uhr etwas verspätet zur Schule, wo er alsbald einschlief. Dennoch schreibt er: «Verpflegung, Unterkunft und Behandlung waren gut.» Mit fünfzehn wäre Emil gerne Maurer geworden, fand aber keine Stelle. Sein Vater suchte für ihn einen Platz bei einem Bauern in Dierikon. Dort kam es zur Begegnung mit jenem Jungen, der irgendwo in einer Klosterschule war, und – wie man so sagt – studieren konnte. «Diese zufällige Begegnung liess mir keine Ruhe», schreibt Emil. Immensee wurde das Ziel. Mit 25 bestand er die Matura. Es folgte die Theologie in Schöneck.

Emil suchte hin und wieder seinen einstigen Lehrer Isenegger auf, vermutlich zum Kollektieren. So geschah es, dass ich bereits als Bub den angehenden Missionar kannte. Kurz vor der Ausreise nach Rhodesien kam er nochmals bei unserer Familie vorbei. Ich war damals fünfzehn. (Markus Isenegger)

Als ich (Josef Elsener) als junger Student ins Gymnasium nach Immensee kam – es war zur Zeit des zweiten Weltkrieges – war da, ein paar Klassen über mir, ein älterer Student. Er war ein Spätberufener, und weil er über 700 Tage im Aktivdienst verbracht hatte, musste er ein Jahr repetieren. Es hiess, er war Korporal bei den Elite-Truppen der Grenadiere. Sie können sich vorstellen, dass wir Mit-Studenten gehörig von ihm beeindruckt waren und ehrfürchtig zu ihm aufschauten. Man merkte Emil Frey seine militärische Geradheit an. Sie hat ihn sein Leben lang nicht verlassen.

Nach seiner Priesterweihe erhielt Emil Frey die missionarische Destination für das damalige Süd-Rhodesien, und er wurde zur Erwerbung des englischen Lehrerpatentes an die Universität London gesandt. Damit zeigte sich seine eigentliche Berufung zum Lehrer und Erzieher. Nachdem er im November 1955 nach Süd-Rhodesien ausgereist war und nach einem Einführungsjahr, begann seine Lehrtätigkeit am Lehrerseminar auf der Gokomere Mission, verbunden mit Seelsorgetätigkeit am Wochenende in der Vorstadt von Fort Victoria. Dann führte er die neu eröffnete Lehramtsschule auf der St. Anthony’s Mission in Zaka. Als die Diözese Gwelo 1960 auf der Driefontein Mission ein Heim für schwererziehbare und straffällige afrikanische Buben eröffnete, wurde Emil Frey zum Leiter ernannt. Hier war er im Element. Leider wurde aber das Heim nach einigen Jahren von der Regierung geschlossen. Nach zwei Jahren als Vikar in Fort Victoria (Masvingo), erweiterte Emil sein katechetisches Wissen in einem Jahreskurs am Katechetischen Institut «Pro Mundi Vita» in Brüssel. Von 1967 an war er als Lehrer tätig an der neu eröffneten Mittelschule auf der Silveira Mission. Ende 1974 wurde er zum vollamtlichen Gefängnisseelsorger ernannt. Als solcher war er im Rang eines Majors, uniformiert und verantwortlich für 18 grössere und kleinere Gefängnisse in der Midlands Provinz von Rhodesien. Es war die Zeit des beginnenden Unabhängigkeitskrieges für Zimbabwe. Anfangs waren es etwa 50% kriminelle Gefangene und 50% politische Gefangene, gegen Ende etwa 90% politische Gefangene. Nach der Unabhängigkeit von Zimbabwe (1980) kehrte Emil in die Schweiz zurück. (Josef Elsener).

(Markus Isenegger:) Sobald Emil den Missionseinsatz in Afrika beendet hatte, erwartete ihn eine neue Aufgabe in der Heimat: er wurde Betreuer der Gönner unserer Missionare. «Gönnerprokurator». Anfänglich waren ihm die Gebiete Zürich, Schaffhausen, Luzern zugeteilt, er wohnte in Zürich. Später übernahm er die Gebiete St. Gallen und Graubünden, er wohnte in Kronbühl SG.

Mit 69 Jahren meldete sich Emil als Verwalter und Leiter des Ferienheims Obersaxen GR. Da die Anzahl der Gäste variierte, musste Emil zeitweise den Betrieb alleine managen, das heisst Allrounder sein: Hotelier, Pfarrer, Chefkoch, Gerantin, Casserolier und Gärtner.

Nach Abschluss des Auftrags in Obersaxen wirkte Emil von Immensee aus als Aushilfspater. Noch als Mittachtziger übernahm er eine 50% Stelle in Bünzen und blieb fünf Jahre lang dort (2005–2010).

Emil hatte ein facettenreiches Leben. Rückblickend schreibt er: «Mein Leben hat etwas von einem Vaganten; ich bin viel ‹in der Welt umhergestrichen›. Auf gut Deutsch: Landstreicher.» Somit blickt er nicht nur mit militärischer Geradheit auf sein Leben zurück, sondern auch mit Schalk und einer Prise Selbstironie.

Joe Elsener und Markus Isenegger