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Projekt: «Indigenes Volk der Awá»

Vorgeschichte

Das iAwa im Bootndigene Volk der Awá, das die nach dem pazifischen Ozean abfallende Urwaldzone der Südwestflanke der Westkordilleren Kolumbiens bewohnt, trat im Jahre 1976 in den Aufgabenbereich der SMB. Der SMB-Priester Paul Meier wurde damals dorthin ausgesandt und vom Erzbischof Arteaga als Pfarrer in der Strassenpfarrei Ricaurte installiert. Mit ihm ging eine Gruppe jugendlicher Freiwilliger aus der Schweiz. Padre Pablo, wie er fortan hiess, als Pfarrer der Mestizenpfarrei an der Strasse, zusammen mit den Jugendlichen konzentrierten ihre Aufgabe jedoch stark auf die im angrenzenden Urwald wohnenden – und auch zur Pfarrei gehörigen indigenen Menschen. Es war das erste mal, dass die Kirche sich gezielt für diese durchwegs katholisch getauften Menschen interessierte.

Pablo bei den AwaPablo der Priester fand seine Aufgabe beim Volke der Awá rasch, die jungen Freiwilligen boten sich kleinen Gemeinschaften zur Mithilfe an der Erstellung von festen Prügelwegen durch den Urwald und Drahtseilbrücken über zum Teil reissende Flüsse an, Gemeinschaftsprojekte- und -aktivitäten, die durch deren Motivation zustande kamen. Später – in Ablösung – eintreffende Freiwillige erweiterten, aufbauend auf den bisherigen Erfahrungen, ihren Beitrag an eine bessere Lebensweise der Bevölkerung, bestärkten die Menschen in Kursen und Begegnungen in ihrer Identität und förderten den Bau der ersten Urwaldschulen.

Nach zehn Jahren, 1986, kehrte Pablo in die Schweiz zurück und auch der Fluss der Freiwilligen begann zu versiegen, da auch der Zusammenhalt einer Gruppe mit einem klaren Einsatzprojekt fehlte. Zurück blieben vier kolumbianische Schwestern der Madre Laura, einer auf die Begleitung ethnischer Minderheiten ausgerichtete missionarische Gemeinschaft, die ihr Leben mit den Menschen im Urwald teilten. In einer gewissen Enttäuschung versammelten sich unter dem RO Mario Andrey die sozusagen übriggebliebenen Einsatzleute, die ihren Traum von einem eigenständigen, selbstbewussten Volke der Awá nicht aufgegeben hatten, zu einer Evaluation der bisherigen Tätigkeiten und Ergebnisse mit der Frage: Was müsste geschehen und was sollten und könnten wir tun, damit das Volk sein Schicksal selbst an die Hand nimmt. Es entstand ein Dokument mit konkreten Vorschlägen fürs Vorgehen und mit Anforderungen an ein Team, das mit der Durchführung der Vorschläge betraut werden sollte.

traumatiserte Kinder-2Die nächsten acht Jahre brachten den Umschwung. Mit Hilfe von kolumbianischen Fachleuten: ein Advokat, der die Richtung der Entwicklung hin zur Bildung von Resguardos * (siehe Fussnote) angab und eine Fachfrau für die erste schulische Ausbildung der notwendigen einheimischen Lehrer brachten den grossen Anstrengungen des SMB-Teams zusammen mit den im Awágebiet selbst lebenden vier Lauraschwestern den erhofften Erfolg. Es enstanden Resguardos, Schulen, ein Gesundheitszentrum  und mit dem Zusammenschluss der Resguardos im Jahre 1990  eine eigene Regierungsform (UNIPA). In den folgenden Jahren übernahmen Awáleute sukzessive die Verantwortung für das Geschehen im Volke.  Das Team trat ums Jahr 1995 ab.  Jedoch brauchte die junge Organisation für ihre äussere und innere Festigung Zeit und brauchte Freunde, auch kritische Freunde, für den Aufbau einer gerechten, funktionsfähigen Gesellschaft.

Zusammen mit der Schwesterngemeinschaft im Pfarreigebiet von Ricaurte übernahm danach ein aus jungen Kolumbianern gebildetes Team die Begleitung des Volkes, nun nicht mehr direkt zur Richtungsbestimmung  in Sachen Organisation des Volkes, sondern zu dessen Bestärkung auf dem eingeschlagenen Weg, Equipen, die sich im Auftrag der Kirche mit einer Botschaft der Befreiung und Würde an die Seite der Menschen im Urwald (Awá = Menschen vom Wald) stellten: Die Pastoral Indígena im Volke der Awá.

Das heutige Projekt

LebensgemeinschaftZwei junge Menschen aus dem Volke der Awá selbst, Iván und Lorena sind heute die von der Diözese mit der Pastoral Indígena in dreissig im Urwald verstreut lebenden Gemeinschaften Bauftragten. Es sind Gemeinschaften, die sich als solche als eine um eine Schule versammelte Gruppe verstehen. Ein Dorf besteht nicht. Die Menschen leben in weit auseinander liegenden Häusern auf ihrem Boden, den sie rechtlich durch den Anteil am kollektiven Landtitel des Resguardos, zu dem sie gehören, besitzen.

Beide, Lorena und Iván, haben die Matura hinter sich und haben sich in ihrer Gemeinschaft in der Ausbildung der Jugendlichen und Kinder wie auch in Versammlungen der Eltern gebildet und profiliert. Und beide befinden sich berufsbegleitend im Studium der Anthropologie und Ethnologie, einem spezifisch auf die ethnischen Minderheiten Kolumbiens, die indigene und schwarze Bevölkerung, ausgerichteten Studium.

Zusammen mit zwei langjährigen Mitarbeitern, die sich in die Aufgaben des Koordinators und der Beraterin teilen, bilden die vier Personen das Team EQUIPO PASTORAL INDÍGENA (EPI).

Sein Zielpublikum sind die Menschen im Urwald, sie sind das katholisch getaufte «Kirchenvolk» mit seinem Anrecht auf die Dienste der Kirche. Dieser Dienst ist jeweils auch der erste Kontakt mit den Menschen, der vorher nur flüchtig bei der Taufe des Kindes stattgefunden hat, und bei dem es jeweils auch geblieben ist.

Das EPI bietet den Menschen ausgehend von diesem ersten Kontakt eine weiterführende Begleitung an hin zu Kommunion und Konfirmation – für die ganze Kommunität – eine auf die Bildung einer Gemeinschaft auf der Grundlage ihrer eigenen traditionellen Werte und der Realität ihres Lebens ausgerichtete Begleitung, eine Realität, die sich in den zwanzig Jahren ihrer Eigenständigkeit radikal verändert hat.

Nicht nur gehört ihr Territorium zum bevorzugten Boden für die Kokaproduktion, sondern dies verschafft den Menschen im Urwald, die vorher kaum Geld kannten, nun auch leichten Zugang zu dem Mittel, mit dem sie kaufen können, von dem sie vorher nur träumen konnten.

Ziel der «Begleitung des Volkes der Awá»

  • Örtliche Gemeinschaften, die sich als solche auf der Grundlage ihrer traditionellen kulturellen Werte und dem christlichen Verständnis organisieren und fortentwickeln.

Die rechtliche territoriale Einheit mit dem Gobernador als Autorität, ist an sich das Resguardo. Dieses umfasst jedoch zahlreiche kleine Gemeinschaften, die sich um eine Schule bilden. Eine persönliche Begleitung kann fast nur auf der Basis der kleinen Gemeinschaft geschehen.

Spezifische Ziele

  • Förderung, Stärkung und Ausbildung von örtlichen Animatoren mit kulturellem und christlichem Hintergrund

  • Mit der Gemeinschaft Erarbeitung eines örtlichen PLAN DE VIDA als Richtlinie für ihr Selbstverständnis, ihr Zusammenleben und ihre Zukunftsgestaltung

Vorgehen

  • Vorbereitung der Eltern der Gemeinschaft auf die Taufe ihrer Kinder (aufgrund ihrer Bitte): Gespräch mit den Eltern

  • Vorbereitung der Kinder, Jugendlichen (…und Eltern) auf Kommunion und Konfirmation (aufgrund ihrer Bitte)

  • Bei diesen Vorbereitungen sich kennenlernen, Führungskräfte entdecken, sie animieren und zu Begegnungen im Zentrum der Pastoral Indígena einladen.

  • Zusammen mit den Animatoren die weitere Begleitung der Gemeinschaft planen und an die Hand nehmen. (mit dem Ziel und dem Weg Richtung Erarbeitung des PLAN DE VIDA).

Fernziel

  • Mit der Förderung und Ausbildung von Animatoren (Führungskräften) wird das Fernziel angestrebt, wonach jede Gemeinschaft seine AnimatorInnen besitzt und so die spirituelle Begleitung und Ausbildung der Kommunität immer mehr in deren Händen liegt und die (katholische) Kirche des Volkes Awá immer mehr ein indigenes Antlitz bekommt.

Finanzierung

Vonseiten des armen Bistums von Tumaco war bisher keine finanzielle Hilfe zu erwarten und wird es auch in Zukunft nicht sein. Bis 2015 hatte das Katholische deutsche Hilfswerk MISEREOR das EPI finanziell aufrechterhalten. Seit Januar 2016 geschieht dies auf dem Weg des Rebusque (man sucht, wo man meint, es “könnten noch einige Ähren am Boden liegen”). Das heisst: das EPI musste mit anderweitigen Beiträgen seine Tätigkeit aufrechterhalten, auch mit einer Kürzung des Lohnes.

Kosten 

Auch letztes Jahr hat die Diözese Tumaco das Projekt PASTORAL INDIGENA wiederum MISEREOR zur Finanzierung für die Dauer von drei Jahren unterbreitet, ohne Antwort. An der Finanzierung interessierte Personen mögen selbst daraus entnehmen, wie weit sie da mitmachen wollen und können. Das EPI dankt im Namen des Volkes der Awá allen Spendern ganz herzlich.

Dazu ist noch anzufügen, dass jegliches Geld für das Projekt vollumfänglich von der Diözesanverwaltung verwaltet wird und dass das EPI haushälterisch mit dem Geld umgeht.

 

Tumaco, 10. April 2018
Mathias Sticher


* Die Resguardo ist eine soziopolitische Rechtsinstitution spanischen kolonialen Ursprungs in Amerika, gebildet durch ein anerkanntes Territorium einer Gemeinschaft indianischer Abstammung, mit unveräußerlichem Eigentumstitel, Kollektiv oder Gemeinschaft, regiert durch ein besonderes autonomes Statut, mit eigenen kulturellen Richtlinien und Traditionen. Diese Institution wurde von einigen vom spanischen Reich unabhängigen Republiken unterhalten und ist in Kolumbien vollständig anerkannt.