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Religion und Spiritualität bei COMUNDO

Von Josef Estermann, Beauftragter für Grundlagen und Forschung bei COMUNDO.

COMUNDO hat die «Religion» und «Spiritualität» gleichsam in ihrer DNA. Die historischen Wurzeln in der Missionsgesellschaft Bethlehem, aber auch die klare Inspiration durch die (nicht nur lateinamerikanische) Befreiungstheologie und die Rückbesinnung auf Oscar Arnulfo Romero sind ein Vermächtnis, das die Organisation trotz ihrer Professionalisierung und konfessionell-religiösen Öffnung nicht einfach ignorieren kann und will. Im Folgenden möchte ich aufzeigen, inwiefern «Religion und Spiritualität» in der Personellen Entwicklungszusammenarbeit (PEZA) insgesamt und bei COMUNDO im Besonderen nach wie vor eine wichtige Rolle spielen.

Personelle Entwicklungszusammenarbeit erfolgt im konkreten und direkten Austausch und der Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller, geografischer, aber auch spirituell-religiöser und ethnischer Zugehörigkeit und Herkunft. Es geht, zumindest als Ideal, um eine «Begegnung auf Augenhöhe», möglichst ohne die Schieflage kolonialer und neo-kolonialer Beherrschung und Bestimmung. Dabei ist der ganze Mensch gefordert, mit all seinen Aspekten und Dimensionen, wozu wesentlich auch spirituelle und religiöse Dimensionen gehören. Auch wenn die Fachpersonen von COMUNDO Agronomen, Pflegefachleute, Ethnologinnen oder Organisationsentwickler sind, haben sie es in ihrem Einsatz mit Menschen zu tun, die «religiös» sind, sich als «spirituell» verstehen und ihre Existenz immer wieder auch mit ihren eigenen Traditionen in Verbindung bringen. Dieser Umstand ist einer der wichtigsten Faktoren, dass sich (zukünftige) Fachpersonen, auch wenn sie sich selber als «säkular» oder gar «atheistisch» bezeichnen, mit dem Thema «Religion und Spiritualität» auseinandersetzen müssen.

Bei den Ausreisekursen von COMUNDO spielt deshalb dieser Themenbereich eine wichtige Rolle. Religion und Spiritualität sind nicht nur entscheidende Bestandteile des jeweiligen Einsatzkontextes, sondern auch Ressourcen und Quellen von veränderndem und befreiendem Handeln im Süden und Norden, also Inspirations- und Kraftquellen für die Arbeit an einer gerechteren und inklusiveren Welt, in der alle Platz haben, auch die Mutter Erde. Damit sich möglichst wenig kulturelle «Fehlleistungen» ergeben, haben die zukünftigen Fachpersonen sich mit ihren eigenen religiösen und spirituellen Anteilen auseinanderzusetzen, die oft unter- oder unbewusst im Einsatzkontext hochgespült werden. Die «religiösen Biografien» der Einsatzleistenden haben sich natürlich in den letzten vierzig Jahren stark verändert, aber nicht immer, wie man meinen könnte, in Richtung Säkularisierung und religiösem Analphabetismus. Es gibt auch immer wieder Fachpersonen mit einer kurvenreichen und oft mit Brüchen besetzten Biografie, oder solche, die zu einer neuen gefestigten religiösen und spirituellen Identität gefunden haben, die sich nicht unter «institutionell» oder «säkular» einordnen lässt.

Geradeso wichtig ist aber auch die Auseinandersetzung mit der «fremden» Religiosität und Spiritualität, also mit der Rolle und der Bedeutung, die religiöse Überzeugungen, Gefühle und Praktiken im Einsatzkontext in Afrika oder Lateinamerika spielen. Und da mag es nicht erstaunen, dass die Kategorien, die in der «säkularen» Schweiz kaum eine Rolle spielen, in Kenia, Peru oder Nicaragua eine ganz andere Bedeutung erlangen. Die meisten Menschen, mit denen die Fachpersonen von COMUNDO zu tun haben, bezeichnen sich als «religiös» und nehmen an einer Reihe religiöser und spiritueller Praktiken teil, die im Kontext der Schweiz nur mehr kleine Gruppierungen für sich beanspruchen: religiöse Feste, Prozessionen, Totenfeiern, Heiligenverehrung, Naturverbundenheit, Ahnenverehrung usw. Es gilt also, eine gewissen Sensibilität und einen hohen Respekt vor diesen autochthonen Formen religiösen und spirituellen Lebens zu entwickeln.

Zudem werden zukünftige Einsatzleistende zunehmend mit Formen von religiösem und nicht-religiösem Fundamentalismus konfrontiert. Dabei gilt es, einerseits die Wahrnehmung solcher Phänomene religiöser Radikalisierung – nicht nur im Islam – zu schärfen, andererseits auch bei sich selber ähnliche Tendenzen oder Versuchungen aufzuspüren, die durchaus auch in einem sehr säkularen Gewand daherkommen können. Religionen sind wie alle kulturellen und sozio-politischen Phänomene ambivalent: sie können Ressourcen für Befreiung und Inklusion sein, aber auch Instrument der Unterdrückung und des Ausschlusses darstellen. Bei der Vorbereitung zukünftiger Einsatzleistender soll die Sensibilität für diese grundsätzliche Ambivalenz von Religion und Spiritualität gefördert werden.

Schliesslich sind spirituelle und religiöse Überzeugungen und Vorstellungen auch Kraftquellen und wichtige Ressourcen für die nicht immer leichte Arbeit in einem ganz «fremden» Kontext. Die Einübung von Geduld, Gelassenheit, Frustrationstoleranz und Respekt, der Umgang mit der «produktiven Fremdheit» und dem oftmals bedrückenden Unverständnis anderer kultureller Kontexte kann nur in einem Rekurs auf die eigenen Kräfte gelingen, die nicht nur, aber auch religiöse und spirituelle Quellen sind. Viele der Einsatzleistenden entdecken diese Quellen gerade im Kontakt mit dem und der «Anderen», auch im Kontakt mit anderen religiösen und spirituellen Kontexten. Und dies kann sehr bereichernd und erfüllend sein.

Über die Vorbereitung und Nachbereitung der Fachpersonen hinaus versucht COMUNDO, mittels einer Reihe von Gefässen die innere Verbindung von religiös-spiritueller Verankerung und sozial-politischem Engagement – etwa für die Konzernverantwortungsinitiative – zu unterstreichen und weiterzuentwickeln. Zu erwähnen sind etwa der «Weg der Menschenrechte», der jedes Frühjahr vom Missionshaus in Immensee zum RomeroHaus in Luzern führt und über die historische Verbundenheit der beiden Orte hinaus einen Beitrag zur Sensibilisierung bezüglich Menschenrechte und Rechte von Minderheiten leistet. Oder die «RomeroTage» im März im Gedenken an den vor über einem Jahr heiligerklärten Erzbischof Oscar Arnulfo Romero aus El Salvador, die ebenso wenig einfach nur ein blosses Gedenken, sondern eine inspirierende und «gefährliche» Erinnerung an eine Praxis gesellschaftlicher Relevanz von Glauben und Spiritualität sein möchten. Aber auch der Masterlehrgang «Spirituelle Theologie im interreligiösen Prozess», der eben gerade zum vierten Mal abgeschlossen wurde und 2021 zu seinem fünften Durchgang startet; ein Versuch, das Vermächtnis des RomeroHauses mit einer «spiritualitätsfähigen» Zukunft zu verbinden. Schliesslich auch das befreiungstheologische Kompaktseminar, das sich dieses Jahr zusammen mit der Klimajugend als Thema den Widerstand und die Befreiung von Mensch und Natur im Fokus hat. Oder, last but not least, die jährlich sechs Dialoge des Forums für Offene Katholizität (FOK), die Themen an der Schnittstelle von Gesellschaft, Kirche und Theologie reflektieren und mit Interessierten vertiefen.

«Religion und Spiritualität» sind nicht nur medial in aller Munde – leider oft im Sinne von religiösem Radikalismus oder Esoterik –, sie sind auch wichtige Themen der Personellen Entwicklungszusammenarbeit. Für COMUNDO ist sie neben der historischen Verwurzelung in explizit «religiösen» Organisationen eine Dimension, die bei der Arbeit um eine sozial gerechtere und inklusivere Welt von grösster Bedeutung ist, denn eine solche ist – entgegen der Meinung vieler EntwicklungstheoretikerInnen der 1980 und 1990er Jahre – ohne den Beitrag von religiös und spirituell motivierter Menschen nicht zu realisieren. Es geht im Sinne der Befreiungstheologie um die ganzheitliche Befreiung von Mensch und Natur, und damit eben auch um Menschenrechte, Frauenrechte, Kinderrechte, die Rechte der Mutter Erde und die Inklusion von ausgeschlossenen und am Rande stehenden Menschen. ■