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SRF-DOK: «Das Ende der Mission»

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Sie zogen aus dem Innersten der Schweiz in die abgelegensten, ärmsten Winkel dieser Welt: die katholischen Missionare aus Immensee. Sie machten aus Zehntausenden Heiden Christen, und ebenso unermüdlich bauten sie Hunderte von Schulen, Spitälern und Staudämmen.

Ein Film von Beat Bieri

Die weissen Männer, ebenso christliche Haudegen wie weltläufige Abenteurer, sind alt geworden. Nach rund 100 Jahren naht das Ende der Schweizerischen Missionsgesellschaft Bethlehem. In seinem 90-minütigen Film wirft Autor Beat Bieri einen Blick auf ein eindrückliches, bewegtes Stück Schweizer Weltgeschichte, das man auch eine Abenteuergeschichte nennen könnte.

Viele stammen aus armen Familien, aus engen Bergtälern, aus den katholischen, ländlichen Milieus der Schweiz – und fanden via Immensee in die weite, fremde Welt Asiens, Lateinamerikas und Afrikas. Seit fast 100 Jahren wirken die Immenseer Missionare als Seelenretter und Entwicklungshelfer. Und jedes dieser Missionarsleben böte Stoff für ein dickes Buch. 1925 reisten die ersten drei katholischen Pioniere vom Zugersee nach China (das die Schweizer Missionare 1953, nach der Machtergreifung durch die Kommunisten, wieder verlassen mussten).

Ein Schwerpunktland der Missionsarbeit wurde nach 1938 das damalige Süd-Rhodesien und heutige Simbabwe. Hier gerieten die Immenseer zwischen die Fronten eines Befreiungskrieges. Drei Missionare wurden getötet, sie werden heute von der schwarzen Bevölkerung als Märtyrer verehrt.

Die Schweizer wollten keine einheimischen Priester in ihre Gemeinschaft aufnehmen, um die junge, lokale Kirche nicht zu konkurrenzieren. Nun fehlt der eigene Nachwuchs, und im Altersheim im afrikanischen Busch lebt ein letztes Dutzend betagter Missionare und hadert mit dem unausweichlichen Schicksal.

In Immensee haben sich in den vergangenen Jahren die grossen Gebäude geleert. Der Hauptsitz der Missionsgemeinschaft ist mittlerweile ein Missionars-Altersheim. Nur noch wenige Bethlehemiten sind irgendwo auf der Welt missionarisch aktiv. Nun muss der Generalobere Ernst Wildi ein gutes Ende finden für diese bewegte Geschichte.

Was ist aus den Werken der Missionare geworden? Einiges gedeiht weiter, doch vieles zerfällt. Einige der alten Männer sind mit sich und ihrer Arbeit im Reinen, andere sind traurig, dass nicht alles so herausgekommen ist, wie sie es sich gewünscht haben.

Und jetzt ziehen junge Asylbewerber in die leeren Gebäude in Immensee ein. Eine letzte Ironie der Geschichte: Ein Leben lang zogen von hier aus Missionare in die Dritte Welt, und nun kommt die Dritte Welt zu ihnen an den Zugersee – was wiederum die aktuelle Frage aufwirft, hätte nicht gerade die Entwicklungshilfe mithelfen sollen, diese Völkerwanderung zu verhindern?

Autor: Beat Bieri
Schnitt: Jean Luc Bodmer
Kamera: Beat Bieri
Musik: Hans-Peter Pfammatter
Titelgrafik: Oli Zwimpfer
Sprecherin: Sylvia Silva
Tonmischung: Renzo D’Alberto
Bildbearbeitung: Claudia Remondino
Produktionsverantwortung: Monika Zingg
Redaktion: Belinda Sallin

Zum Autor

Beat Bieri geht in seinen Filmen aktuellen, gesellschaftspolitischen Fragen nach. Der Dokumentarfilmer porträtiert Schweizer Identität in allen Facetten.

Es waren die Immenseer Missionare, die mir damals, in meiner Kindheit, das Fenster zur Welt geöffnet hatten. Noch bevor das Fernsehen richtig verbreitet war und noch bevor die Zeitungen grosszügig Fotos druckten, boten die Missionare in ihrem Heft «Bethlehem», verteilt in Schule und Kirche, die ersten Bilder einer fremden, exotischen Welt, jener Welt, die man später «Dritte Welt» nannte.

Missionare und Abenteurer

Es war Anfang der sechziger Jahre und die weissen Männer, meist mitten in einer Schar dunkelhäutiger Menschen abgebildet, erschienen mir weniger als fromme Gottesdiener, denn als wagemutige Abenteurer – ein verführerisches Berufsbild gerade in einer Zeit, die in der katholisch-konservativen Zentralschweiz geprägt war von Spiesser- und Anpassertum, von Verboten und Bigotterie. Und so träumte ich gelegentlich auch davon, mich als Missionar in dieses Abenteuer fernab der schweizerischen Konformität zu stürzen (bevor ich beschloss, Pilot zu werden, was dann wegen einer angeborenen Farbschwäche der Augen auch nicht klappte). Auf dem Ladentisch in der Bäckerei meiner Eltern stand ein «Negerkässeli»: Ein kniendes Afrikanerkind nickte, wenn ein spendabler Kunde ein Geldstück in den Schlitz warf. Das Geld ging zu den Immenseer Missionaren – und so stellte ich mir einige Jahrzehnte später die Frage: Was ist aus den Missionaren geworden?

Eine reiche, eine bewegte, eine problematische Vergangenheit

Mein Dokfilm liefert hierzu einige Antworten. Ich habe in den letzten eineinhalb Jahren eine Reihe betagter Missionare getroffen, Patres und Brüder, in Afrika und in der Schweiz, und oft fühlte ich mich dabei in einem journalistischen Schlaraffenland: Denn der Journalist und Dokfilmer lebt ja von den Geschichten anderer Menschen. Die Missionare haben wohl keine grosse Zukunft mehr. Doch sie haben eine reiche, bewegte, gewiss auch problematische Vergangenheit, eine Überfülle an Geschichten und Geschichte, oft verbunden mit welthistorischen Verwerfungen.

Die Erzählungen der alten Männer transportieren nicht einfach nur Anekdoten. In ihrem Wirken, das so gänzlich unmodern erscheint, verspottet von Zynikern als «Gutmenschentum», kommt meiner Ansicht nach eine grosse menschliche Qualität zum Ausdruck: «Mich haben diese unermüdlichen alten Kämpfer in ihrem Einsatz für Hoffnungslose berührt, in ihrer täglich gelebten Mitmenschlichkeit», hat mir ein Freund geschrieben, nachdem er den Film gesehen hat.

«Das Ende der Mission – Ein Stück Schweizer Weltgeschichte»

Missionare, besonders in kolonialen Zeiten, waren vorab Seelenfänger, Apologeten auch einer westlichen Zivilisation. Von diesem Bild haben sich die Immenseer schon vor Jahrzehnten entfernt: Zivil gekleidet, meist fortschrittlich, liberal, wenig beeindruckt von der römischen Hierarchie, machten sie sich oft einen eigenen Reim auf die schwierigen Verhältnisse, die sie in den Ländern des Südens antrafen. Und sie schufen Werke in einem unglaublichen Umfang: Spitäler, Werkstätten, 270 Schulen alleine in Simbabwe, wo Priester Sebi Stocker überdies 50 Staudämme errichtete. Dass viele dieser, wie mir scheint, sinnvollen Werke heute zerfallen, ist eine besondere Tragik der Immenseer Geschichte.

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