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Würdigung von Alois Arnold – Hermano Wisi †

Geboren27.1.1933
Eintritt in die Missionsgesellschaft3.12.1967
Missionsseminar Schöneck: Schreiner-
lehre, Schreiner
1967–1972
Missionar in Kolumbien: Möbelschreiner, Lehrlingsausbildung: Popayán, Argelia, El Rosal, El Rosario (Nariño), La Josefina und Colegio Juan Tama (Cauca)
1972–1999
Immensee: Schreinerarbeiten
1999–2017
Ruhestand2018-2020
Verstorben19.10.2020

«Wir waren füreinander eine grosse Bereicherung.»
(Alois im Rückblick auf seinen Einsatz in Kolumbien)

«Traurige Nacht, zu schaffen macht mir der Tod von Hermanito Luis. Immer wird er in meiner Seele und in meinem Herzen präsent sein.» So reagierte Célida, eine langjährige Mitarbeiterin in Kolumbien. Ein Mitarbeiter von Hermano Wisi schrieb: «Viele erfüllt Trauer, speziell jene, die bei Hermano Wisis viel gelernt haben. Wir werden uns an ihn erinnern und zeit unseres Lebens an ihn denken.» Geradezu eine Antwort scheint mir, was Hermano Wisi in seinem Lebenslauf über die Menschen schreibt, die ihn nicht vergessen: «Mit Freude und Erfüllung sehe ich heute auf die 27 Jahre Kolumbien. Wir waren füreinander eine grosse Bereicherung.»

Die Situation, in der er Menschen in Kolumbien antraf, hat er am eigenen Leib erfahren. Zusammen mit einem Bruder und vier Schwestern wuchs er in einfachen Verhältnissen in Spiringen auf. Die Familie bewirtschaftete im Sommer eine Alp auf dem Urnerboden, die für die Sömmerung von 18 Kühen ausreichte. Das erklärt, weshalb keines der Kinder einen Beruf erlernen konnte. Wisi war der Bevorzugte. Mit 16 Jahren erhielt er von seiner Mutter einen Hobel geschenkt. Da eine Hobelbank fehlte, bearbeitete er, auf dem Boden kniend, ein Stück Holz. Mit dem Eintritt in die Missionsgesellschaft Bethlehem ging für ihn ein Wunschtraum in Erfüllung. In Buochs konnte er eine Schreinerlehre abschliessen und – auch typisch für Wisi – er blieb seinem Lehrmeister auch in Kolumbien verbunden. Der Fähigkeitsausweis als Schreiner hing in einer Fotokopie in der Schreinerei des Regionalhauses. Darauf wies er gelegentlich hin, wenn sich jemand Schreinerkenntnisse anmasste.

Im Jahre 1972 reiste Wisi mit dem Schiff von Genua nach der kolumbianischen Hafenstadt Buenaventura. Anstatt am Anfang Spanisch zu studieren, musste er gleich nach Popayán reisen. Für das neue Regionalhaus mussten Kästen, Betten Büchergestelle, Esstische hergestellt werden. An das verspätete Sprachstudium schloss sich eine Zeit, die ihn durch den Süden Kolumbiens führte. Wieder waren es Arbeiten, die keinen Aufschub duldeten: In Argelia, zum Beispiel, der Ausbau des Gesundheitspostens, einer Haushaltungsschule und eines Landjugendheims und in El Rosario der Ausbau des Pfarrhauses. Wer jetzt den Süden Kolumbiens bereist, wird erfahren, wie schnell das Gespräch auf den Hermano Wisi kommt.

Sein Traum, Menschen aus einer Situation herauszuführen, die er am eigenen Leib erfahren hatte, erfüllte sich im diözesanen Bildungszentrum La Josefina. Er unterstützte seine Mit-Urnerin Rosmarie Gisler. Sie war die erste sogenannte Laienhelferin der Immenseer Missionare in Kolumbien. Rosmarie baute mit jungen Frauen Projekte zur Förderung und Weiterbildung der Frau auf. Wisi tat dasselbe mit Männern in Holzbearbeitungskursen. Er unterrichtete in Handarbeit, die der Situation in den Weilern der Kordilleren angepasst war. Für die Frauen und Männer war das Arbeiten in einer Gruppe und die gemeinsam verbrachte Freizeit im Kurszentrum La Josefina eine neue Erfahrung. Fairness, Toleranz und gegenseitige Achtung bestimmten als neue Werte das Zusammenleben. Ähnlich seiner Mutter, die ihm einen Hobel kaufte, animierte er die Männer zum Kauf von Werkzeugen. In der Regel erhielten sie einen Zustupf. Er fühlte sich nicht gekränkt, wenn einstige Lehrlinge einen guten Ruf als Schreiner hatten und ihren Meister punkto Qualität sogar übertrafen.

1974 plante der Bischof von Ipiales eine Reorganisation. Das Bildungszentrum La Josefina wollte er in der Bischofsstadt haben. Hermano Wisi konnte sich nicht für diesen Wechsel in die Stadt begeistern. Er fand schnell eine neue Herausforderung im «Colegio agrícola e industrial» in Juan Tama. Das für Indigene erbaute Colegio lag eine Autofahrstunde von Popayán entfernt. Als Ergänzung zum akademischen Unterricht (Bachillerato) verpflichteten sich die Studierenden, wöchentlich einen Tag im biologischen Landbau mitzuhelfen oder in einem der Betriebe mitzuarbeiten. Möglichkeiten bestanden in der Schlosserei, Gärtnerei, Küche und Schreinerei sowie im Gesundheits- und Elektroteam. Anstoss zu dieser praxisbezogenen Ausbildung gab die Tatsache, dass Bachilleres kaum genügend Geld für ein Unistudium flüssig machen konnten. Jedoch, mit einer breiter abgestützten Ausbildung konnten sie leichter einen eigenen «Taller» (Werkstatt) eröffnen oder eine Anstellung finden. Mit einem Werklehrer teilte Wisi den Unterricht in der Schreinerei. Die Schweigephasen machten Wisi auch beim Unterrichten zu schaffen. Dann unterrichtete er ohne Worte. Die Schüler verstanden sein Schweigen. In dieser Lerngemeinschaft fühlte er sich wohl und selbst in seinem Schweigen geschützt. Mehrmals eröffnete er mir, in dieser säkularen Bildungsinstitution fehle ihm das religiöse Ambiente.

Im Kloster der Missionsbenediktiner El Rosal, 30 km von Bogotá entfernt, erlebte er eine vom benediktinischen «ora et labora» bestimmte Frömmigkeit, ein Tagesprogramm, aufgeteilt in Zeiten der Arbeit, des Gebetes und der Erholung. Schon Tage vor der Busreise nach Bogotá gab es nur ein einziges Gesprächsthema: El Rosal, Bruder Georg, Chef der Klosterschreinerei, den er vertreten musste, die Aufgaben, die er zu erfüllen hatte. Zwischen 1976 und 1999 war er regelmässig als Stellvertreter in der Klosterschreinerei, wo er sich zuhause fühlte.

La Josefina, Juan Tama und El Rosal – drei Aufhänger, über die Wisi endlos erzählen konnte. Jedes Zeitgefühl ging verloren. Bei seiner Rückkehr von El Rosal brachte er in seiner Koffer nicht wie andere Reisende Kleider, sondern tropische Hölzer, die in Popayán nicht erhältlich waren. Beim Auspacken schwärmte er, was er damit alles machen könne, wie Tropenholz zu bearbeiten sei … Manchmal liess er durchblicken, für wen er etwas machen werde. Nähkästchen erhielten meist mitarbeitende Frauen. Jedes dieser Nähkästchen ist ein Bijou; es gibt keine zwei identische. Verschiedenfarbige und unterschiedlich mazerierte Hölzer kombinierte er miteinander. Ein unerschöpfliches Thema war seine Hobelsammlung. Im seinem Erzählen sah man den Hobel entstehen, das Einsetzen des Hobelhorn, das Verleimen der Hobelsohle mit dem Hobelkasten … Nicht weniger detailliert war die Information über die Hobelmesser. Diese liessen sich aus Blattfedern eines Autos herstellen. Jeder Hobel hatte Ordnungsnummer und Jahreszahl der Fabrikation. Damit wären die Voraussetzungen für eine Hobelgeschichte gegeben gewesen. Ich habe nur ein einziges Mal ein Heft mit Einträgen (Nummer und Jahreszahl) auf der ersten Seite gesehen. – Zu den glücklichen Besitzern eines Hobels gehöre auch ich (Nr. 38 / 1994). Heute würde ich vermutlich keinen mehr erhalten. Enttäuscht stellte er mehrmals fest, wie ich mit seinem Hobel meine Bleistifte spitzte. Für ihn war das ein Missbrauch des Hobels. Um die Angelegenheit zu bereinigen, brachte ich ihm vor gut einem Jahr einen Zimmermannsbleistift. Er sollte sich selber überzeugen, welch feine Schreibspitzen mit einem Hobel möglich sind. Er wies meinen Bekehrungsversuch ab. So bewahre ich Hobel Nr. 38 und ein ungespitztes Zimmermannsbleistift als Andenken an Wisi auf.

Für unseren Dank als Gemeinschaft und den Dank der Mitarbeitenden in Kolumbien kehre ich zu den Worten von Hermano Wisi zurück: Mit Freude und Erfüllung schauen wir auf die gemeinsamen Jahre in Kolumbien und der Schweiz zurück. Wir waren für einander eine grosse Bereicherung.

Ernstpeter Heiniger