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Missionarisches Engagement in Grenzsituationen

Vor knapp anderthalb Jahren unterzeichneten die älteste Guerillagruppe Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC) und die Regierung Kolumbiens ein Friedensabkommen. Damit endete ein bewaffneter Konflikt, der in fünf Jahrzehnten über 200 000 Menschen das Leben kostete und mehrere Millionen zu internen Flüchtlingen machte. Die Waffenniederlegung ist nach einem Sprecher der FARC kein Akt des Todes, sondern des Lebens. Es ist kein Akt der Resignation, sondern der Produktion von Zukunft. Der ausgehandelte Friede scheint jedoch verspielt zu werden: Einmal verschleppt die Regierung die Umsetzung der getroffenen Vereinbarungen. Die entwaffneten Guerilleros sind frustriert und an verschiedenen Orten eskalieren bereits neue Konflikte.

Nach einer ersten Euphorie wird auch in der Schweiz die Brüchigkeit des ausgehandelten Friedens registriert. Wohl in diesem Zusammenhang musste ich mehrmals die Frage beantworten, warum ich mich zwanzig Jahre lang in einem vom Krieg gekennzeichneten Land aufgehalten und wohlgefühlt hätte. Ich hätte mich in der Schweiz nachhaltiger einsetzen können.

Dass solche Kritik nicht unbegründet ist, habe ich in Kolumbien auch erfahren. Ich bekam mit, wie im Wort Mission eine Geschichte mitschwingt, die von Unmenschlichkeit gekennzeichnet ist. Sie wirkt bis heute nach in Machtsystemen und Ritualen, die mit Religion nichts zu tun haben. Die Folge davon ist, dass einem Grossteil des kolumbianischen Volkes die Voraussetzungen für ein geglücktes Menschsein abgesprochen werden.

Das ist die eine Seite. Mit derselben Deutlichkeit spürte ich, dass sich Gott trotz der Allianz von Kirche und menschenverachtenden Machtstrukturen nicht davon abhalten liess, Frauen und Männer als Werkzeuge zu gebrauchen. Mich beeindruckt, was missionarisch Engagierte zum Aufbau christlicher Gemeinden in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft und Handwerk geleistet haben.

In den zwanzig Einsatzjahren wurde ich Zeuge, wie Missionare und Missionarinnen Menschen in den Kordilleren-Dörfern aufsuchten und mit ihnen bedrohliche Situationen aushielten. In Grenzsituationen, gekennzeichnet von Gewalt, Guerilla, Armut, Bandenwesen, Drogen und zerbrochenen Familien, setzten sie Zeichen der Hoffnung. Sie beriefen sich auf Jesus von Nazareth, auf seine Vision vom Reich Gottes, auf die Vision von einer Welt in Gerechtigkeit und Frieden für alle Menschen.

Heute Abend stehen die 200 Priester, Brüder und Laienmitarbeitenden im Vordergrund, die von solcher Hoffnung bewegt sich seit 1953 für einen Einsatz entschieden. Wir finden sie bei den Suchenden und Leidenden, bei den Opfern wirtschaftlicher, sozialer und politischer Ungerechtigkeit und Gewalt, bei den Kindern und Jugendlichen, die keine Zukunft sehen und bei den Frauen, die ohne die Hilfe ihrer Männer für das Überleben ihrer Familien kämpfen.

Was mich beeindruckte, sind die Missionare und Missionarinnen an der Seite der Recht- und Chancenlosen, um deren Lebensgrundlagen zu verbessern, ihr Selbstvertrauen zu stärken, ihre Eigeninitiative zu wecken und zu fördern. Sie sahen ihre Aufgabe und ihre Berufung darin, Menschen am Rand ein geglücktes Leben zu ermöglichen.

1953 trafen die ersten beiden ausgewiesenen Chinamissionare mit einem ehemaligen Professor des Missionsseminars Schöneck in Kolumbien ein. Bei einzelnen Mitbrüdern in Immensee galten die Kolumbienmissionare ähnlich unseren halben Bundesräten nur als halbe Missionare. Halbe Missionare, weil sie keine Heiden bekehrten, sondern nur «Löcherstopfer» in den Bergpfarreien waren. Trotz dieser Geringschätzung engagierten sie sich für die Umsetzung der Vision vom Reich Gottes. Sie knüpften partnerschaftliche Beziehungen zu den Diözesen und anderen Organisationen. Und dies immer in Zusammenarbeit mit den Armen, Benachteiligten und Ausgeschlossenen. Im Verlauf der 60 Jahre missionarischer Präsenz kam es zu einer vielfältigen Zusammenarbeit mit den Menschen an der Basis. In Kolumbien hatte diese Arbeit eine Besonderheit. Den Priester- und Brüdermissionaren folgten Laien, die als Fachpersonen mit verschiedensten Berufen Aufgaben übernahmen, die Kleriker nicht leisten konnten. In meiner Einsatzzeit bildeten sie die Mehrheit und übernahmen zusehends die Verantwortung für die missionarische Arbeit. Sie engagierten sich in Projekten von Partnerorganisationen, in der Sozialarbeit, in der Bildungs- und Gesundheitsarbeit, im Aufbau von Gemeinschaften, in Menschenrechts- und Friedensarbeit sowie in ganzheitlicher Seelsorge. In diesem Zusammenhang sind die Familieneinsätze zu erwähnen. Dabei waren die Kinder vielfach die effizientesten Missionare. Während sich die mit der Gemeindeleitung beauftragten Eltern überlegten, wie sie die pastorale Aufgabe angehen wollten, waren ihre Kinder schon in den meisten Häusern zu Besuch gewesen und kannten sich bestens aus.

Solche Zusammenarbeit von Mitgliedern der Missionsgesellschaft, Laien aus Europa und Vertretern aus den Gemeinschaften, die entstanden, stützt und bekräftigt das Leitbild der Bethlehem Mission. Wofür Einsatzleistende kämpften, was sie an Gerechtigkeit, Menschenwürde, Geschwisterlichkeit und Freiheit erreichten, sind vorweggenommene Fragmente endzeitlichen Heils. Mission ist deshalb immer Aufgabe aller Christinnen und Christen und hat in alle Richtungen zu erfolgen. Sie vollzieht sich in Partnerschaft mit den Ausgeschlossenen und Armen. Das Ziel ist, mit ihnen zusammen eine bessere Lebensqualität zu erreichen und wirtschaftlicher, sozialer und politischer Ungerechtigkeit und Gewalt zu widerstehen.

Dadurch kommen Menschen verschiedener kultureller und religiöser Herkunft einander näher und zu einem respektvollen und freundschaftlichen Austausch.

Missionare und Missionarinnen haben vor sich selbst und vor anderen glaubwürdig über ihre Vision von einer gerechten und friedvollen Welt Rechenschaft abzulegen. Für mich macht ein missionarisches Engagement Sinn, wenn und weil es einladend, partnerschaftlich, dialogisch und weltweit ist. Befreiung als Ziel eines Einsatzes geschieht immer in Gemeinschaft. Nicht Elend ist aufzudecken, sondern ein bisher uneingelöstes Versprechen von Glück soll umgesetzt werden. Veränderung und Befreiung sind überall da möglich, wo Gemeinschaften Träume von menschlichem Glück umsetzen.

Ernstpeter Heiniger