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Weihnachten 2020 im Missionshaus

Ansprache  Lk 2,1-14

Liebe Schwestern und Brüder

Von der Weihnachtsgeschichte, die wir eben gehört haben, und die wir wohl fast auswendig können, sind uns von Kinderjahren her wohl verschiedene Bilder hängen geblieben. Sie wurden dann auch dargestellt in den vielen Gemälden und Formen von Krippen überall auf der Welt:

  • Jesus, Maria und Josef in einem Stall
  • Engel, die die frohe Botschaft den Hirten verkünden.
  • Hirten, die zur Krippe gekommen sind.
  • Später dann die hl. Drei Könige, die den Stall Dank des Sterns gefunden haben und ihre Geburtstagsgeschenke diesem kleinen Bub, Jesus, bringen.

Eine Figur fehlt aber durchgehend – jedenfalls in meiner Erinnerung – die prominent am Anfang der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas vorgestellt wird:

Nämlich: Kaiser Augustus.

Dieser Kaiser Augustus ist für den Evangelisten Lukas nämlich sehr wichtig.
Er ist sozusagen der – man könnte sagen – dunkle Hintergrund, der die leuchtende Szene der Geburt Jesu noch stärker zum Leuchten bringen soll.

Der dunkle Hintergrund:

Weshalb dieser dunkle Hintergrund? – Der Evangelist schreibt:
„In jenen Tagen erliess Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen.“
Was heisst das anderes, als dass Kaiser Augustus wieder einmal mehr Geld brauchte. Alle Bewohner des römischen Reiches sollen zahlen. Niemand ist verschont.
Und dann die totale Kontrolle: Alle müssen sich an ihrem Bürgerort eintragen, sodass der Kaiser die volle Übersicht hatte und niemand entweichen konnte, totale Kontrolle.
Der Evangelist Lukas malt diesen Hintergrund kurz und präzis, um den unüberbrückbaren Gegensatz zwischen den beiden Gestalten:

– Augustus auf der einen Seite und Jesus auf der andern Seit
– ganz deutlich zu machen.

Für den Evangelisten Lukas ist diese Gestalt: Kaiser Augustus, wesentlich und sehr wichtig und kein Zufall, denn dadurch wird die Vision Gottes in diesem Jesus nur umso deutlicher.

Es ist die Darstellung von zwei total entgegengesetzten Menschen.

  • Da ist Kaiser Augustus – und dort ist das Kind Jesus.
  • Da ist der Steuereintreiber – und dort ist das arme Kind in einer armen Familie
  • Da ist die totale Kontrolle – und dort das kleine Kind in einer der Politik ausgelieferten armen Familie.
  • Da ist militärische und politische Macht – dort ist Armut und Hilflosigkeit
  • Da sind die grossen Paläste – dort ist ein Stall
  • Da ist die Stadt Rom – dort ist das namenlose Feld
  • Da ist Macht und Gewalt – dort ist der Friede eines Neugeborenen

Und beide werden Friedensfürsten genannt:

  • Der eine – Augustus – gibt sich den Titel selbst – der andere erhält den Titel vom Himmel.
  • Der eine von den Volkscharen beklatscht – der andere von den Engeln besungen.
  • Der eine baut auf Waffen und Armeen – der andere auf Menschen guten Willens
  • Der eine baut auf sich selbst und lässt sich als Gott bezeichnen und verehren
    – der andere baut ganz auf Gott und wird dann auch als geliebter Sohn von Gott bezeichnet.

Was für ein Gegensatz!

Und wer hat die besseren Karten?
Je nachdem, wo man hinschaut.
Kaiser Augustus und sein Reich sind mit der Zeit verschwunden, seine Göttlichkeit, die er sich selbst zugelegt hat, ist zu Nichts zusammengebrochen.
Wo man hinschaut, sieht man von den monumentalen Bauten nur noch Ruinen einer glorreichen Zeit.
Sein ewiger römischer Friede (Pax romana) ist aufgelöst worden in viele kleine Fürstentümer und Staaten.

Jesus von Nazareth und sein Gottesreich des Friedens ist umgekehrt bis heute auf der ganzen Welt verstreut in grösseren oder kleineren Gemeinden und Gemeinschaften, die überall leben und versuchen, Menschen von Gottes Gnaden zu sein, Mitmenschen guten Willens zu sein und den Frieden von Gott zu verwirklichen.

Wenn wir die Gegensätze zwischen Kaiser Augustus und Jesus anschauen, dann sehen wir, wie Gott ganz anders mit uns Menschen umgehen will, als die Mächtigen dieser Welt;
wie er mit ganz andern Grundhaltungen mit uns in Verbindung sein will;
Wie er mit ganz andern Strukturen unsere menschliche Gemeinschaft und Gesellschaft umformen will:

  • Mit einem ganz urmenschlichen Zeichen – mit einem kleinen Kind;
  • Mit der Grundhaltung des Vertrauens, des guten Willens, den er uns Menschen zutraut;
  • Mit einer kleinen Familie, die Hirten und Könige zu sich kommen lassen.
    : Alle Menschen haben Platz in der neuen menschlichen Gesellschaft.

So geht Gott um mit uns Menschen.

Ich denke, dass Weihnachten uns dazu einlädt,

  • Unsere Werte und Vorstellungen vom Leben und der Zukunft zu überprüfen und entsprechend zu ändern.
  • Unsere mitmenschlichen Umgangsformen kritisch zu vergleichen mit den Umgangsformen, mit denen Gott uns entgegenkommt.
  • Unsere gesellschaftlichen Strukturen genau anzuschauen und zum Besseren zu verändern

Ich denke, dass der echte Friedensbringer, Jesus, uns dazu heute an Weihnachten mit seiner besonderen Kraft beschenkt!

Josef Meili